Vita

Das folgende Interview führte Christoph Buhler

Peter, du bist 1961 im nordrhein- westfälischen Siegen geboren. Wann und warum hast du angefangen, Gitarre zu spielen?

Angefangen habe ich 1970, nachdem ich auf meinen Wunsch eine unsägliche Egmond-Gitarre von meinem Vater geschenkt bekam. Das Ding hatte einen Saitenabstand, bei dem man locker ein Telefonbuch zwischen Griffbrett und den Saiten hätte durchschieben können. Die Gitarre (nicht diese!) hat mich interessiert, weil ich schon immer den Klang mochte. Bis heute fällt es mir schwer, Gitarrenmusik nicht zu mögen, weil mir der Klang einer schwingenden Saite einfach gefällt. Glücklicherweise habe ich bald ein anständiges Instrument bekommen. Dann gab‘s 10 Gitarrenstunden von einem Privatlehrer, der sich von heute auf morgen nicht mehr blicken ließ. Danach war ich 15 Jahre lang Autodidakt.

Stammst du aus einem musikalischen Elternhaus?

Meine Eltern mögen beide Musik. Mein Vater ist Klassikhörer, er ist erklärter Beethoven-Verehrer, meine Mutter steht auf Sänger wie Neil Diamond. Musikalisch aktiv waren beide nicht, das kam eher von mir. Das Urerlebnis, das mich auf den Gedanken brachte, Musiker zu werden, war ein Folk-Abend an unserer Schule. Da sang ich drei Songs zur Gitarre und danach haben plötzlich die Mädels aus meiner Klasse, für die ich bis dato nur Luft war, mit mir geredet. Die Möglichkeit, andere Menschen mit Musik zu begeistern, war mir bis dahin gar nicht bewusst gewesen. Ich war körperlich Spätentwickler, sah aus wie ein Mädchen. Im Siegener Hallenbad bekam ich immer den Schlüssel für die Mädchenumkleidekabine, war aber damals nicht helle genug, den auch wirklich zu nehmen. Mit der Gitarre hatte ich plötzlich was zu melden, das war eine unglaublich wichtige Erfahrung für mich.

Nach dem Abi dann das Studium der Jazzgitarre an der Musikhochschule Köln. Welcher Beruf wäre als Alternative in Frage gekommen, wenn das nicht geklappt hätte und mußtest du deine Eltern beruhigen, weil der Sohn ausgerechnet Musik studieren will?

Es gab niemals einen Plan B, das musste so gemacht werden. Meine Eltern haben das schlichtweg nicht ernst genommen. Meine Mutter hatte damals andere Sorgen, sie war gerade frisch geschieden und mein Vater akzeptierte neben der Klassik lange keine andere Musik.

Der berühmte Gitarrist Joe Pass hat dich eingeladen. Wie kam das?

Ich habe ihm damals eine Kassette mit Aufnahmen von mir und einer Bitte um Unterricht an eine Hamburger Adresse geschickt. Dort lebte seine spätere Ehefrau Ellen Lüders, mit der ich noch sporadisch Kontakt habe. Die Adresse hatte mir sein Manager in den Niederlanden gegeben, den ich frech angerufen hatte. Es kam ein Brief von Joe zurück, in dem er schrieb, dass ich keinen Unterricht bräuchte („I don‘t think you‘ll need lessons“). Den Unterricht habe ich aber dann doch bekommen und ich habe in kürzester Zeit unglaublich viel von Joe Pass gelernt. Er war ein guter Lehrer, wir haben uns einige Male in Hamburg in Ellens Wohnung getroffen.

Studium mit Auszeichnung bestanden, die Eltern also etwas beruhigter jetzt und mit dem Ex-Komilitonen die Vorgänger- Band zu Terminal A gegründet. War es zunächst schwierig, als junger, diplomierter Jazzer an Arbeitgeber zu kommen? Womit hast du deine Brötchen verdient? Ich tippe auf Tanzkapellen, damit erstmal Geld reinkommt.

Das Abschlusszeugnis verschwand bei mir in der Schublade, die seitdem nicht mehr geöffnet wurde. Niemanden interessiert, ob du studiert hast oder nicht. Tja, ich saß vor meinem leeren Terminkalender und konnte ziemlich gut spielen, hatte aber keine Aufträge. Klar, du hast Recht, ich habe dann erstmal alles angenommen. Ich habe jahrelang in den übelsten Spelunken und in äußerst alkoholgeschwängerten Festzelten für ziemlich betrunkene Menschen gespielt. Damals entstand meine imaginäre Negativ-Wunschliste, die glücklicherweise jetzt abgearbeitet ist.

Negativ-Wunschliste?

Naja, das war eine niemals niedergeschriebene, aber in meinem Kopf äußerst präsente Liste der Art von Engagements, auf die ich gerne verzichtet hätte, aber sie trotzdem gemacht habe, weil ich das Geld brauchte. Ganz oben standen Karnevals-Jobs, dann kamen die Tanzbands und so weiter. Ich wollte mich nie mit Mozart-Perücke vor Publikum zum Affen machen. Aber ich hatte eine Familie zu ernähren, Sponsoren gab's nicht.

Wie lautet heute deine Berufsbezeichnung? Bist du Diplom- Musiker, oder Jazz- Gitarrist mit Lehrbefähigung? Oder schreibst du schlicht „Rockstar“ ins Formular?

Für die offizielle Berufsbezeichnung müsste ich auf dem Zeugnis nachschauen, aber das liegt ja in der Schublade. Mein „Betrieb“, der ja ein Oneman-Allroundbetrieb ist, der Felder wie Konzertagentur, CD-Label, Autorentätigkeit, Dozent und ausübender Musiker gleichzeitig bedient, hat keine offizielle Berufsbezeichnung. Ich habe eine Erlaubnis der Industrie- und Handelskammer zur Ausbildung von Praktikanten, die ein einjähriges Praktikum zur Erlangung der Hochschulreife brauchen. Bei der IHK werde ich mangels passendem Genre in der Kategorie „Fischerei und Forstwirtschaft“ geführt. Das ist kein Witz.

Haben sich die Kontakte zu den interessanten Engagements wie Gloria Gaynor, The Moody Blues, The Who‘s Tommy und so weiter, mit denen du international auf Tournee warst, einfach so durch Mundpropaganda ergeben oder bist du durch Castings gegangen?

Mein erstes Casting habe ich im Jahr 1995 für die Rockoper „The Who‘s Tommy“ absolviert. Ich kannte die Musik bis auf „Pinball Wizard“ nicht. Dirk Seiler, der damalige Schlagzeuger meiner Band, machte mich auf das Casting aufmerksam. Ich habe daraufhin eine CD an die Musical GmbH geschickt und wurde nach Offenbach eingeladen. Als ich dort ankam, fragte man mich, ob ich die Noten mitgebracht hätte. Ich hatte keine und fand heraus, dass man allen Bewerbern die Noten für das Casting zugesendet hatte, ich war dabei leider vergessen worden. Und dann saß ich da mit den Noten zwischen all den Konkurrenten und versuchte, aus dem Niedergeschriebenen schlau zu werden. Um mich herum spielten alle durcheinander, was sie über das Wochenende fleißig geübt hatten. In der Atmosphäre war es mir unmöglich, mich zu konzentrieren. Also fragte ich, ob es einen Raum gäbe, in dem ich üben konnte. Gab es nicht. Also setzte ich mich mit der Gitarre und den Noten auf die Toilette und ignorierte eine Stunde lang hartnäckig die Beschwerden derjenigen, die mich von dort vertreiben wollten. Danach ging ich hoch und traf die musikalische Leiterin aus New York, Jeannine Tesori. Sie hörte mich an und meinte, ich solle das Stück „It‘s a Boy“ noch einmal 20 Minuten draußen üben und wieder hereinkommen. Ich setzte mich also wieder zwischen die Gitarrenkollegen und fing an zu spielen. Nach einer Zeit wurde es um mich herum still, es bildete sich eine Traube von Gitarristen um mich herum, man hörte mir zu. Das war der Moment, als mir klar wurde, dass ich die Audition gewinnen würde. Ich habe danach ca. 1000 Shows Tommy gespielt.

Wann kam die gelbe Brille (und wo ist sie hin?)

Irgendwann habe ich aus der Not der Kurzsichtigkeit eine Tugend gemacht und die gelbe Brille war jahrelang auf meiner Nase. Seitdem es sauerstoffdurchlässiges Silikon für Kontaktlinsen gibt, vertrage ich die Linsen und fühle mich ohne Brille viel wohler.

Hast du schon mal Jobs abgelehnt und das dann nachher kräftig bereut?

Nein, aber ich habe einige Jobs angenommen und genau das später bereut. Es gab beispielsweise eine Tommy-Europa-Tour 2005, 6 Monate lang. New Yorker Band und Cast, super Gitarrenkollege, schrecklicher Dirigent. Der hat die Musik gehasst. Aber dann hatte ich einen Vertrag zu erfüllen, da heißt es „Augen zu und durch“.

Durch die Musicals „We Will Rock You“, „West Side Story“, „Tommy“ und so weiter bist du noch weiter in die „Szene der Großen“ eingetaucht. Hast du Brian May und Pete Townshend persönlich als Arbeitgeber erlebt? Sind das die unnahbaren Stars?

Sowohl Pete Townshend als auch Brian May zeigen sich sehr dankbar für die Arbeit, die die Gitarristen bei den Musicals für sie leisten. Wenn sie sich mal wieder blicken ließen, war das immer ein besonderes Ereignis. Nach Pete‘s erstem Besuch meinte der Dirigent Boko Suzuki zu mir: „Pete didn‘t like your playing. He loved it“. An so ein schönes Lob erinnert man sich gern. Pete hat 2005 auch mal einen Gästebucheintrag auf meiner Homepage gepostet, das war eine nette Geste.

Gibt es Existenzangst, wenn du nicht für eine Tour gebucht bist?

Glücklicherweise bin ich beruflich sehr breit aufgestellt. Wenn einer meiner Jobs wegfällt, sind immer noch genügend andere da. Es hat sich viel verändert, ich muss keine Sänger mehr begleiten, muss auch keine Musicals mehr spielen. Mittlerweile ist die eigene Musik und meine Tätigkeit als Autor im Vordergrund. Es hat sich also gelohnt, die musikalischen Dienstleistungen immer als Weg zum Ziel und nicht als das Ziel zu betrachten. Ich möchte nicht behaupten, im Ziel angekommen zu sein, aber die schlimmsten Zeiten scheinen glücklicherweise vorbei zu sein.

Warum bist du in Siegen wohnen geblieben? Dir als gefragtem Lehrer und Musiker stehen doch damals wie heute Köln, Hamburg, vielleicht London offen.

Du kannst beispielsweise in Köln wohnen und weiter von der dortigen Musikszene entfernt sein als wenn du in einem kleinen Dorf außerhalb lebst. Es geht nicht um den Wohnort, sondern um die Leute, die du kennst und die Qualität dieser Kontakte. In Köln ist die Miete hoch und ich spiele selten dort. Fahren muss ich sowieso, also kann ich auch von Siegen aus fahren. Es ist ziemlich unerheblich, wo man als Musiker lebt.

Dein Terminkalender ist voll mit Unterricht, Workshops, Seminare, hier ein mehrtägiger Kurs in einem Kloster, dort eine Woche „Gitarrenurlaub mit Freunden“ in der Toskana und auf Mauritius. Zwischendurch immer mal wieder die Youtube-Präsenz im Internet füttern und neue Lehrbücher verfassen. Wie hält man das aus? Du bereitest dich ja auch immer auf die Leute und die jeweilige Aufgabenstellung vor.

Ich hätte gern mehr Zeit. Zeit ist unglaublich kostbar, je älter ich werde, desto bewusster wird mir das. Fernsehen beispielsweise betrachte ich als unnütze Tätigkeit. Das fällt also bei mir weg. Ansonsten versuche ich, die bleibende Zeit zu nutzen. Das ist nicht immer leicht. Es gibt einen Jahresplan, der bei mir zur Übersicht an der Wand hängt. Wenn ich die älteren Pläne anschaue, frage ich mich manchmal, wie zum Kuckuck ich das alles hintereinander bekommen habe. Ich glaube, es geht darum, immer eins nach dem anderen zu erledigen und nur ab und zu das Ganze im Blick zu haben.

Auf der Bühne wirkst du immer sehr sortiert und „bei dir“. Hast du noch Lampenfieber?

Mein Lampenfieber verschwindet meist nach den ersten Sekunden auf der Bühne. Wenn ich spüre, dass alles funktioniert, der Verstärker läuft, der Sound ok ist. Vorher, vor allem in den letzten Sekunden, habe ich immer Angst, aber das gehört dazu. Nur mit etwas Angst gibt‘s den nötigen Adrenalinstoß, ohne den man sich nicht konzentrieren kann.

Mittlerweile sind acht CDs und zwei DVDs unter deinem Namen bzw Terminal A erschienen. Und hoffentlich wird die Liste noch länger, denn du bist ja ständig unterwegs. Geht die eigene Musik mittlerweile so weit vor, daß du es ablehnen würdest, zum Beispiel ein Jahr lang für ein weiteres Musical zu arbeiten?

Die Gagen der Musicals sind dermaßen uninteressant geworden, dass ich allein darum definitiv kein Engagement mehr annehmen würde. Dass jetzt die eigenen Projekte im Vordergrund stehen können, ist ein wahr gewordener Traum. Ich möchte nicht mehr zurück…

Ein Meisterstück ist dir 2011 gelungen, als du mit deinem einstigen Gitarrenhelden Ralf Illenberger die Musik des legendären deutschen Gitarrenduos Kolbe/ Illenberger wieder auf die europäischen Bühnen gebracht hast. Presse und Publikum feierten euch, die Zusammenarbeit wird fortgesetzt. Wie hast du Ralf dazu überredet bzw. von wem kam die Idee, und was denkt Martin Kolbe über diese Zusammenarbeit?

Eigentlich habe ich zunächst Kontakt mit Martin aufgenommen, weil er in Zürich lebt und darum für mich erreichbarer schien als Ralf in Arizona. Ich bekam von Martin einige handschriftliche Skizzen der Musik von Kolbe-Illenberger, die ich als Jugendlicher immer bewundert habe. Später kam es zu einem Interview für die Zeitschrift „AkustikGitarre“. Dafür habe ich auch mit Ralf telefoniert. Den fragte ich, ob er - wenn er mal in Deutschland ist - willens sei, mir das Stück „Veits Tanz“ zu zeigen, denn das war bei den Aufzeichnungen von Martin nicht dabei. Wir verabredeten uns in Trier, um vor seinem Konzert eine kleine „Veits Tanz“-Lesson zu machen. Dann hatte Ralf die Idee, das Stück am Abend auch auf der Bühne zu spielen. Und vier weitere alte Kolbe-Illenberger-Sachen, die das Publikum restlos begeisterten. Es klang sofort, als hätten wir schon ewig zusammen gespielt. Das liegt zum einen daran, dass mir die Musik von Kolbe und Illenberger beinah so vertraut ist wie meine eigenen Stücke, weil ich mich so lange damit beschäftigt habe. Und zum anderen daran, dass Ralf ein fantastischer Musiker ist, mit dem es ganz leicht ist, musikalische Stimmungen zu erzeugen. Martin hat mittlerweile schon zwei Autschbach-Illenberger-Konzerte als Zuschauer miterlebt. Er befürwortet und unterstützt unsere Zusammenarbeit ausdrücklich. Ich habe ein Notenbuch "Best of Kolbe-Illenberger" herausgegeben. Ralf und ich haben jetzt schon 13 neue Stücke zusammen geschrieben, die auf der CD "No Boundaries" veröffentlicht werden. Die Musik ist anders als die Sachen von damals, denn wir haben beide unseren eigenen Stil eingebracht. Wir sind sehr stolz auf das Ergebnis und freuen uns darauf, die neuen Stücke dem Publikum zu zeigen. Einige Kolbe-Illenberger-Sachen werden natürlich in unserem Programm bleiben, denn die Musik ist zeitlos.